Wenn die Angst ums Haus schleicht

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Bericht in Eco am 13.1.2016 auf ORF 2: Die Anzahl der Waffenbesitzer nahm im letzten Jahr zu. Keiner der Befragten hat es klar angesprochen, doch es kam so ein „In Zeiten wie diesen muss man sich schützen!“ Was sind die Zeiten wie diese? Jene, wo offensichtlich wird, was schon seit langem trotzdem vorhanden war? Dass es eine große Kluft gibt, zwischen Arm und Reich, zwischen dem Westen und dem Osten? Zwischen Nord und Süd? 

Und jetzt macht sich eine Angst breit in Österreich, eine Sorge um unsere Sicherheit, um unsere Kinder, um unser Hab und Gut. Wir fürchten uns. Wir haben vielleicht auch Angst um unser Leben. Da greift wieder der alte Reflex aus der Höhle: Fight oder Flight – Kämpfe oder Fliehe. Fliehen wollen die meisten Österreicher ja wohl doch nicht, also kämpfen wir.

Und es gibt noch eine anderen Weg: den Weg des Vertrauens, des Aufeinander zugehens mit geöffnetem Herzen.

Vor 20 Jahren verbrachte ich ein Monat in New York, und ich fand es schon immer spannend Ecken, die nicht so bekannt sie zu erforschen… und so trieb ich mich eines Nachmittags alleine in Gassen abseits der vertrauten Pfade herum. Zu Mittag saß ich auf einer Bank und verspeiste mein Mittagessen, als sich ein paar Jugendliche zu mir setzten. Sie begannen mich freundlich – etwas bedrohlich anzureden. Was ich denn hier mache, wo mein Freund sei,… wo ich wohne,… und ich merkte in mir, dass ich nun Angst haben könnte oder mich auf die Situation und mein Gegenüber einlassen könnte. Und ich entschied mich für die zweitere Variante. Ich erzählte ihnen, dass meine Mutter vor kurzem gestorben ist, ich nun hier sei um meinem Leben eine neue Wendung zu geben. Dass es mich bedrückt, wie die Kluft zwischen Arm und Reich hier ist und ich es satt habe, immer nur das schöne New York zu sehen. Einer von ihnen begann auch zu erzählen, vom Tod seines Bruders, von seiner Aussichtlosigkeit hier, kein Job, keine Ausbildung,… wie soll sich da eine Zukunft starten lassen. Wir unterhielten uns über Träume, die zerplatzt sind, und solche, die noch vorhanden sind und wie sie vielleicht gelingen könnten. Ein dritter Guy stand etwas abseits und hatte sich bisher nicht in das Gespräch eingebracht. Er blickte immer wieder wartend die beiden anderen Jungs an, die mit mir sprachen. Da ich seine Unruhe spürte, wollte ich ihn irgendwie ins Gespräch einbinden, schaffte das jedoch nicht. Und auch die anderen wurden etwas unruhig. Ich fragte, was los sein. Und sie meinten, dass sie an sich vorgehabt hatten, mich auszurauben. Ich meinte, dass ich ihnen gerne meine letzten 20$ geben kann, mehr hätte ich selbst nicht. Das Geld nahmen sie. Dann begleiteten sie mich zur nächsten in ihren Augen sicheren Subway Station und ich ging meines Weges.

Erst anschließend habe ich langsam geschnallt, was da eigentlich abgegangen ist und wie diese Situation auch anders hätte ausgehen können. Ist sie aber nicht. Und es war nicht die einzige Situation, in der ich durch Gespräche etwas riskant anmutende Situationen gut auflösen konnte.

Wie schön wäre es, wenn wir erkennen, dass wir nicht mehr in der Höhle leben und gerade ein Säbelzahntiger uns bedroht. Wir leben in unseren vier Wänden, haben zu Essen und ein Dach über dem Kopf und können uns wärmen, unsere Grundbedürfnisse sind versorgt.

Und uns „bedroht“ ein  – Mensch, jemand, wie du und ich, der aus welchem Grund auch immer, dies als seinen derzeitig besten Weg sieht, sich seine Bedürfnisse zu erfüllen. Schade, wenn er keine anderen Werkzeuge gelernt hat. Und unsere Chance, ihm neue auf den Weg mitzugeben. Wie kann es da eine Lösung geben, dass ich sicher bin?

Was ist meine tiefe Angst ganz tief drinnen? Dass ich verletzt werde? Dass ich getötet werde? Dass meinen Kindern etwas passiert? Dass mein Geld gestohlen wird? Mein Schmuck? Meine Erinnerungen?

Und was ist das Bedürfnis des anderen? Essen? Geld? Seine Wut auslassen? Wärme? Geborgenheit? Ein Dach über dem Kopf? Seine Sexualität ausleben?

Wenn ich für mich eine langsfristige Sicherheit herstellen möchte, dann gibt es für mich nur einen einzigen Weg: ich gehe in Kontakt mit der anderen Person. Um mich zu schützen, nehme ich meinen ganzen Mut zusammen und öffne mein Herz. Ich versuche zu ergründen, was die andere Person braucht und frage sie dies, so lange, bis ich in ihrem Ja merke, jetzt habe ich den Kern getroffen. „ja, mein Gegenüber möchte seine Familie vor dem Hunger bewahren und sein Sohn hat Geburtstag und er möhte ihm gerne etwas schenken. Und dazu braucht er Geld.“ Oder: „Ja, er wird gezwungen, in Häuser einzubrechen, denn er ist da in eine Bande gerutscht, die ihn selbst nun bedrohne, dass er wöchentlich eine bestimmte Summe Geld zusammenbringt. Mit Betteln auf der Straße funktionert das nicht.“

Und dann steht da ein MENSCH vor mir, kein böser wilder Mann, der mich umbringen will. Jemand, der aus Verzweiflung und Not diesen Schritt gegangen ist. Und ich kann diesen Weg verändern, ich kann ihm von Herzen gerne Geld geben, wenn er es braucht, ich kann ihm einen Weg aufzeigen, wo er das bekommt, was er braucht. Und manchmal ist der in Vordergrund stehende Wunsch gar nicht so wichtig, denn da ist Einsamkeit, Traurigkeit,… und das braucht seinen Raum. Und Zeit zum Zuhören schenke ich immer gerne her.

Oder ich möchte ihm nicht das geben, was der andere braucht. Durch das Gespräch ist bereits eine Basis für Vertrauen entstanden und ich kann mit meinem Gegenüber nach Lösungen suchen.

Auf diesem Weg schütze ich nicht nur mich und gebe mir selbst Sicherheit, ich eröffne auch eine Veränderung, und gebe dem anderen die Chance, neue Wege zu gehen. Und ich schütze meine Nachbarn, da die Wahrscheinlichkeit einer „Wiederholungstag“ sich drastisch verringert.

Wir erschaffen unsere Welt und können sie aktiv verändern! Zum Besseren!

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