Der ist sein eigenes Leben nicht wert

Vor einigen Wochen waren wir auf Urlaub auf einem Bauernhof, ein ganz feiner Hof, in dem die Tiere auch homöopathisch behandelt werden bevor der Tierarzt gerufen wird und Antibiotika bekommen; Wo ein Freilaufstall für die Kühe ist, obwohl es nicht deren Auflagen entspricht, da sie kein Bio-Bauernhof sind.

Unsere Kinder konnten den ganzen Tag in den Stall, die Kühe beobachten und die Kälbchen streicheln. Die Kälbchen bekamen auch nicht mehr nur 2x täglich ihre Milchration, sondern hatten ihre Milchkübel den ganzen Tag hängen, damit sie dann trinken können, wenn sie Durst haben.

Und dann gab es da ein wunderschönes Kalb, mit einem dunkelbraunen Fell und weißen Flecken. Nicht diese übliche Rinderrasse, die sehr behebig und massiv sind als ausgewachsene Rinder, sondern zart, zierlich und elegant. Uns allen gefiel dieses Kälbchen am besten, für die Kinder war es natürlich gleich das Lieblingskalb.

Beim Schwatz mit der Bäuerin meinte sie dann: „ja, der kleine Stier. Der ist sein eigenes Leben nicht wert.“ Ich stutze, wie kann man sein eigenes Leben nicht wert sein?

Tja, Besamung und Aufzucht in den ersten Wochen bis dieses Stierchen alt genug ist um auf die Schlachtbank geführt zu werden, kosten genauso viel, wie die Bauern am Ende seines Tages gerade einmal als Gegenwert für sein Fleisch bekommen. Oder vielleicht nicht einmal ganz so viel. Ein Lebewesen als Verlustgeschäft.

Wäre dieser Stier nicht, würde seine Mutter irgendwann keine Milch mehr geben. Dieser Wert, die 44l Milch am Tag, werden in dieser Berechnung   nicht berücksichtigt. Geht ja auch nicht, dann die Milchproduktion macht gerade einmal das Leben seiner Mutter wert.

Was für ein Glück, dass ich hier in Österreich geboren wurde, in einem wunderschönen und relativ friedlichen Land. Und was für ein Glück, dass ich als Mensch hier leben darf und nicht als Kuh. Denn dann wären wohl meine Söhne ihr eigenes Leben auch nicht wert. Und meine Töchter hätten wohl das gleiche Schicksal wie ich: Kinder in die Welt zu setzen, denen sie kurz willkommen sagen könnten um sie dann von sich gerissen zu bekommen.